Jens, September 2021

[1] "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit"

Fritz* hatte schon recht schnell Verdacht geschöpft, dass unsere blumigen Versprechungen evtl nicht ganz der Realität entsprechen. Am ersten Abend, wir sassen seit ein paar Stunden am Lagerfeuer, nun also der erste Zwischenfall.
"ICH BIN GESTOCHEN WORDEN !" sagte Fritz in ungläubigem Unterton. Verdammt. Schon am ersten Abend der erste Mückenstich (siehe auch: Mücken - Moskitos - Stechmücken). Holger reagierte geistesgegenwärtig. "Darf nicht wahr sein !" und reichte ihm schnell den in einer PET Flasche abgefüllten Baccardi rüber.

Als er uns beide als Guide für einen 12 tägigen Packrafting Trip engagierte, waren Holger und ich Feuer und Flamme. Endlich jemand der unsere legendären Fähigkeiten erkannte und zu schätzen wusste. Uns war klar dass es früher oder später so kommen musste, auch wenn der Weg bis hierher beschwerlich war. Seitenlange Beiträge zu Diskussionen im Outdoorseiten-Forum über Fragen wie "kann man Lachs der zum Laichen einen Fluss hinaufschwimmt eigentlich auch roh essen?", jahrelanges Schreiben von Reiseberichten über Kanutrips und das damit verbundene knallharte Leben, unzählige Youtube Videos vom Befahren gefährlichster Stromschnellen, sowie dem Drillen von meterlangen Lachsen hatten uns auch über die Szene hinaus einen Ruf verschafft, auf den Lars Monsen, wenn er davon was mitbekommen hätte, neidisch geworden wäre.

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Packrafting Guide - Ahnungsloser - Packrafting Guide

Ich hatte Fritz an seinem 50. zu sehr später Stunde im Vollsuff von unseren Abenteuern "da draussen" vorgeschwärmt. Mit dem Boot die Flüsse runter, Friluftsliv, Essen was man selber fängt, Beeren und Pilze sammeln. Dass man solche Touren nicht mehr wie im vorletzten Jahrhundert per Kanu macht, sondern mit dem Packraft, einem kleinen aufblasbaren wildwassertauglichen Kajak. Auch er war leicht beschwipst gewesen und somit schnell begeistert.
"Schaaah ! Jööh wrgslt ! Hajaaaglaar!"
Im Grunde genommen hatte ich ihn mit seinen eigenen Waffen als Vertriebsspezialist für komplexe Finanzprodukte geschlagen: Suff, Emotionen, eine einmalige Gelegenheit... da sagt niemand nein. Ich hatte an diesem Abend den Schlüssel zu seinem vom Alkohol und Abenteuergeist vernebelten Verstand bekommen und am nächsten morgen, sobald selbiger wieder einigermassen klar war, musste ich ihn nur umdrehen.

"Machen wir, oder ?"
"Super! Voll geil! Auf jeden Fall!"

Die Details waren schnell geklärt und nach Rücksprache mit Holger konnten wir unseren ersten Kunden verbuchen. Ein erstes Schäfchen unter den Fittichen zweier erfahrener Outdoorleithammel. Da einige böse Zungen seit Jahren eher eine Brokeback Mountain Geschichte hinter unseren gemeinsamen Alltagseskapaden vermuteten, war Fritz nebenbei, da frei von Unterstellungen jeglicher homosexueller Neigungen, die Chromstahlpolitur für unser rosa angefärbtes Image.

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Soll man Entscheidungen treffen unter dem Einfluss von (legalen) Drogen?...

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... oder in emotionalen Momenten?

Start Kaitumjaure

Da gehts also hin!

Holger konnte familär bedingt nur 8 Tage zusagen, dafür gab es dann aber, als Bonus, anschliessend 4 tage exklusiv mit mir - einem der talentiertesten Fährtenleser vom Stadtwald Stuttgart Zuffenhausen. So also der Plan: 8 Tage zu Dritt in Schweisch Lappland von Kaitumjaure bis nach Killinge und dann in 4 Tagen zu zweit die letzten 40 km bis nach Lappeasundo. (Packrafting Tour Beschreibung: Kanutour Kaitumjaure und Kaitumälven A (S-01-005))

*Aufgrund seiner exponierten Funktion im Berufsleben haben wir seinen Namen geändert.

 

[2] Weltmeister der Herzen

Tag 2 begann mit Sonnenschein und absoluter Windstille. Der See der sich, eingebettet zwischen hohen Bergen, 10 km vor uns Richtung Westen ausbreitete, war ein einziger riesiger Spiegel der spektakulären Landschaft. Es war so ruhig dass man seinen eigenen Puls hören konnte. Nach Lagerabbau gings gegen 11 Uhr los. Erst mal eine kleine II hinunter und dann... joah, also ... Seepaddeln.
"Man kommt überhaupt nicht vorwärts !" maulte Fritz gegen den mittlerweile aufgekommenen Wind. Jaaa, so ist das beim Seepaddeln. Er hatte sich den Fluss eher als einen 140 km langen Wildwasserkanal vorgestellt. Immer schön mit Strömung, das Paddel sollte man eigentlich nur zur Kurskorrektur gebrauchen müssen. Evtl hatte ich in meinen Ausführungen auch die durchaus längeren Seepaddelabschnitte unterschlagen, was aber keine Absicht war. Wenn ich eins in meinem Leben durchgezogen hatte, dann das Verdrängen unangenehmer Tatsachen. Das geschieht unbewusst, sozusagen intuitiv und da kann ich jetzt auch nix mehr machen.

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Und Seepaddeln im Packraft IST unangenehm. Stundenlang auf einen Punkt am Horizont zuzupaddeln ohne das Gefühl vorwärts zu kommen. Das kennt man eigentlich nur vom Standup Paddeln und ist in etwa genauso spannend - mit dem Unterschied, dass man wenigstens selber entscheidet wos langeht und nicht der meist vorhandene Wind. Und, ja, man kann, wo wir gerade beim Vergleichen sind, auch etwas mehr mitnehmen als sich selber, in so einem Packraft. Und man steht auch nicht so blöd rum wie der einsame Streber auf dem Schulhof. Wer Probleme mit dem Gleichgewicht hat soll sich doch einfach daheim auf ein Bein stellen und die Augen zumachen. Ok, ich schweife ab, aber wie man merkt ist das ein hochemotionales Thema für mich. Ich hab beim Seepaddeln einfach zuviel Zeit zum Nachdenken, was mir schon generell nicht gut tut. Aber irgendwann waren alle Wunschtodeslisten komplett erdacht und dann... brauch ich halt irgendwas um mich von diesem eintönigen Geeierre abzulenken.

Immerhin kam etwas Spannung auf als mir bewusst wurde, dass mein Boot Luft verliert. Mitten auf dem See, ein paar hundert Meter vom Ufer weg. Das kann, angesichts der Wassertemperaturen, durchaus unangenehm werden. Ich paddelte also in Richtung Ufer und gab den anderen Bescheid. Der Grund war schnell ausgemacht: der Zipper des internal Storage Sytems des Bootes hatte sich durch den darauf liegenden DryBag ganz leicht nach hinten gezogen und damit geöffnet. Auch wenn er keine Miene verzog spürte ich sofort, dass Fritz erste Bedenken an meiner Packrafting-Richtlinienkompetenz aufkamen...

Nach 13 km gings vorbei an dem sündhaft teuren Fishing Camp, in das sich CEOs und CFOs und CIOs aus der ganzen Welt einfliegen lassen um "am besten Äschenfluss Europas" geguided 40 Äschen am Tag zu catch-and-releasen, auf unseren nächsten Übernachtungsplatz zu, der sich ca 5 km unterhalb des Camps befand. Wir beschlossen, dass dies auch ein idealer Ort wäre, um Fritz in die Kunst des Spinnfischens einzuführen.

Fritz warf, für einen absoluten Anfänger erstaunlich geschickt, die Angel aus, holte den Spinner wieder ein und verzog den Mund, als hätte er soeben ein neues Loch in einem Backenzahn entdeckt.
"NIX !"
"Wie NIX ?"
"KEIN FISCH DRAN !"

Wieder reagiert Holger blitzschnell und geistesgegenwärtig. "Was für ein Pech. Wart mal, ich glaub da stimmt was mit der Bremse nicht". Das war geschickt von ihm, denn während Fritz am Überlegen war, warum ne Angel ne Bremse hat, konnte Holger ihm diese abnehmen und eifrig daran herumfummeln und so implizieren, dass das Problem des "NIX !" rein technischer Natur war. Kopfschüttelnd nahm Fritz die Angel wieder in die Hand und warf ein zweites mal aus.
Zack! Biss! Forelle!
"Geht doch!" meinte Fritz, sichtlich erfreut. Auch uns viel ein Stein vom Herzen...

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Wir standen keine 20 Minuten neben der frisch erlegten Forelle, als jemand vom oberen Flusslauf her auf uns zukam. Wir ahnten nichts Gutes, denn freiwillig bzw zum freundlichen Austausch kämpft sich hier niemand durchs Ufergesträuch.
"You have to stop fishing. NOW. Fishing is only allowed with Guide. Also not here, this belongs to the camp. And you cannot camp on this side of the river. Its only allowed on the south shore !"

Zack, drei neue Regeln auf einmal. Das ist ja wie früher daheim dacht ich mir und erinnerte mich an die damals geltende "Regel des Tages", ein von mir verwendeter, eigentlich total verniedlichender Begriff für ein komplexes, strenges, hochdynamisches und zur Tageslaufzeit beliebig erweiterbares Regelnetzwerk, das in meiner letzten Beziehung eigens für mich erfunden und gesponnen wurde und in dem ich mich täglich neu und unentrinnbar verhedderte. Im Wissen dass die Spinne (also der Guide) alle Fäden und damit uns in der Hand hatte, schleimten wir um die Wette um zumindest den drohenden Lagerplatzverlust abzuwenden:
"Yeeees ... you are right ... we are really sorry ... do you want to have some rum ? ... of course .... noooo, never ever again, ... what was the weather like last week?, ...tell us about your kids, have a nice evening mr general-chief-master inspector "

Nach 10 Minuten zog er weiter. Wir wussten, dass wir durch unsere unwiderstehlich freundliche Art wieder einen neuen Deutschlandfan gewonnen hatten (schliesslich sind wir nicht umsonst Weltmeister der Herzen) und er wusste, dass diese 3 Honks genau das machen würden, was er ihnen gerade verklickert hatte - und liess uns auf der Nordseite campieren.

Am abend spendiert der Cäptn einen Liter Baccardi ("für meine Mannschaft nur das Beste") 

 

++++++ Exkurs Anfang ++++++++++

Holger: Nach dem Urlaub sind wir im übrigen noch kontaktiert worden von Personen im selben Zeitraum auf dem Kaitum unterwegs waren. Diese Personen wurden in der Tat von einem Lagerpatz in der Nähe des Fischercamps vertrieben und von einem Angel Guide aufgefordert den Platz zu verlassen. Dieses Verhalten der Camps darf man durchaus als fragwürdig bezeichnen, insbesondere mit Blick auf das Jedermannsrecht in Schweden. Daher hier noch die Stellungnahme bzw. Aussage hierzu vom Kreisverwaltung von Norrbotten:

"I cannot say for sure why you were asked to leave as I don't have all the information, but it sounds like there has been some kind of misunderstanding. Camping is still allowed on the north side even though the sami community has taken over the fishing rights, nothing has changed there. But just as you write there is a short part of the river in the Taivek rapids where camping is regulated on both sides due to a research project. This area is marked in dark blue on the fishing map."

++++++ Exkurs Ende++++++++++

 

  

 

[3] Käptn Iglo auf Feindfahrt

Seitdem Holger vor einigen Jahren in einem Outdoor Forum unvorsichtigerweise behauptet hatte, dass man Plastikabfälle am besten bequem, unkompliziert und nachhaltigst ("aus den Augen, aus dem Sinn") abends im Lagerfeuer entsorgt, hatte er die Macht des Internets am eigenen virtuellen Alter Ego erfahren dürfen. Ein veritabler Forum-Shitstorm war die Folge, angefacht von all den Klugscheissern die in aromatischer Chemie promoviert, aber vom Leben und den Komplexitäten da draussen überhaupt keine Ahnung hatten. Kreischend stürzten sich selbst Level I User, buhlend um Anerkennung, in den Thread, um diese unfassbare Umweltsauerei anzuprangern. Der orkanstarke Wind, der Holger in seinem geliebten Forum nun entgegenblies, kam mit dem Rauch einer Müllverbrennung ohne Abgasreinigung daher und führte letzten Endes dazu, dass er, obwohl er lieber roh ein Kilo Karpfenteig gegessen hätte, seinen Account temporär stilllegen musste. All die Scorerpunkte, der Status als Outdoor-Generaloberstabsjuju -> dahin. Er würde erst mal wieder ganz unten anfangen müssen, bei Fragen zu Knotenlehre, Sitzunterlagen und Packlisten für unkritische Gegenstände.

Nichtsdestotrotz ist er, bis auf die Müllentsorgung halt, natürlich ein sehr erfahrener und überaus gewissenhafter Paddelprofi im Rang eines Corvettenkapitäns. Nicht nur im Boot sitzend strahlt seine Aura jene Seelenruhe und Gelassenheit aus, für die Frauen jahrelang ins Hot-Yoga und Männer mindestens einen halben Liter Korn kippen müssen. Holger zeigte uns also die Karten und informierte uns über die heutige Strecke: zuerst ein bisschen WW I und WW II, dann eine IV die wir nach Besichtigung evtl fahren können, dann eine II, anschliessend eine längere III und kurz darauf eine VI an der wir raus und dann campieren könnten. Sounds good, los gehts.

Das WW I + II war lustig, dann gings zur Besichtigung der IV. Hier sei nun erwähnt dass Fritz, neben seinem Expertenwissen im Zwiebelschneiden und Salamirösten, für uns auch eine grosse Bereicherung darstellte: er hat, im Gegensatz zu uns, eine jahrelange Wildwasserkajak-Erfahrung. Wir kommen ja eher von der Outdoor-survival Seite, sind also Experten im Spannen von Tarps und das Entfachen von Feuern mit blossen Fingernägeln, und für uns ist das Kajak mehr eine mobile Angelplattform als ein Sportgerät. In der Diskussion war recht schnell klar, dass wir uns an die IV wagen können und Fritz war auch bereit, die Linie vorauszufahren. Klappte alles reibungslos und, weil es wirklich keinerlei Probleme gab, machte sich auch eine gewisse Euphorie breit... eine IV ist schliesslich ne IV und die fährt man so auch nicht ohne ein gewisses Mass an Bammel.

Ein wunderschöner Sonnentag, die IV und die Umtragung hinter uns, Temperaturen um die 20 Grad, Abendessen war gesichert denn Holger hatte unterwegs noch 3 Äschen gefangen, liessen uns einem entspannten Lagerabend entgegenblicken. Noch kurz durch die III und dann raus. Ich fuhr leicht links versetzt in kurzem Abstand hinter Holger und Fritz als, und ich weiss noch wie überrascht ich war, ein relativ grosser Felsen vor mir auftauchte. Ich fuhr links an ihm vorbei, was sich als blöd herausstellte denn auf dieser Seite gings ordentlich runter und ich kam unten in eine Gegenströmung die mir die Bootsspitze veriss und mich um 180 Grad drehte und mich schliesslich kentern liess. Nicht weiter wild, ich war problemlos aus dem Boot draussen, einzig die Paddelsicherung hatte sich um meinen rechten Arm gewickelt. Da auf meiner Seite des Flusses die Strömung stärker war, trieb ich schwimmend an den beiden links vorbei. Fritz fragte ob alles ok sei und ich nickte. Wenn man kentert bewahrt man die Ruhe, hält sich am Boot fest und wartet ab bis man wieder Boden unter den Füssen hat, wobei das Wasser nicht tiefer als einen halben Meter sein sollte, zumindest auf diesem Fluss mit seinen nicht unerheblichen Wassermassen. Vorher kann man sich so oder so nicht aufrichten bzw man bricht sich nur die unteren Fussknochen wenn man sich, was zwischen all den Steinen sehr leicht passieren kann, verklemmt. Ich trieb so also mit dem Rücken zur Fahrtrichtung hinunter, als ich nach ein paar Sekunden zum ersten mal unter Wasser gedrückt wurde. Ich dachte noch immer "alles gut und easy", einfach festhalten und wieder Luft holen sobald es geht. Ging auch relativ schnell wieder und dann... wieder runter und ich spürte wie ich auf einmal richtig Geschwindigkeit bekam, immer mehr Wasser über mir, kaum noch Luft. Da wurde mir klar: ich bin in der VI.
Von den 2 mal zuvor die wir in den letzten Jahren an dieser VI vorbeigekommen waren (das erste mal, das zweite mal) und beim Umtragen erfurchtsvoll bestaunt hatten wusste ich, dass ich in der Scheisse steckte. Das Paddel hielt ich wegen der meinen Arm umwickelnden Paddelsicherung immer noch in der Hand, ich wollte nicht dass es mich unkontrolliert irgendwo hinzieht. Links hielt ich mich am Packsack fest der per Spannriemen am Boot befestigt war. Als nächstes kam der Schleudergang. Die untere Walze der Hauptströmung. Ich hatte keine Ahnung wo ich mich befand nur dass es ständig rauf und runter ging und ich ab und zu für ein paar ganz kurze Momente an der Oberfläche nach Luft schnappen konnte. Es ging irgendwie auch nicht mehr vorwärts, ich sah abwechselnd nur hell und dunkel und dachte mir nur die ganze Zeit "Das darf nicht wahr sein. Nicht JETZT und nicht SO". Nach gefühlt einer halben Ewigkeit spuckte mich die Walze wieder aus, ich kam nochmals in eine starke Strömung und trieb dann am linken Uferrand aus der Stromschnelle heraus wo ich 100m weiter unten die Wassertiefe erreichte um mich gegen das weitere abtreiben zu wehren. Ich hatte keine Schuhe mehr an, aber irgendwie noch mein Paddel rechts und meinen Drybag in der Hand. Die Paddelsicherung war vom Boot abgerissen, die Ösen des Drybags ebenfalls so dass dieser sich ebenfalls vom Boot gelöst hatte. Nach ein paar Minuten war ich safe zwischen kleineren Felsen am Flussrand und konnte zum ersten mal wieder nach oben und um mich herum blicken und versuchen meine Atmung und den Puls wieder runterzubekommen. Ich kauerte im seichten Wasser, mir war kotzübel, mein Boot war weg, Fritz auch, aber Holger konnte ich weitere 100 m unterhalb auf der anderen Flussseite erkennen. Offensichtlich wohlauf und mit Boot. Nach weiteren Minuten kam auf einmal mein Boot, etwas luftleer, direkt auf mich zugetrieben. Es hatte sich die Walze wohl etwas länger als ich angesehen. Weiter oben, also oberhalb der VI konnte ich Fritz winken sehen und mir fielen 1000 Steine von der Seele. Wir waren zumindest alle noch da, der Rest war mir ehrlich gesagt zu dem Moment scheissegal. Es dauerte eine Weile bis wir uns alle getroffen haben, die Jungs kamen zu mir weil ich mich vor Erschöpfung immer noch nicht wirklich bewegen konnte. Ausserdem hatte ich für meine Schwimmeinlage eh die Flussseite rausgesucht an der wir campieren wollten.

 Kaitum Stuorkartje Wildwasser 2

Kaitumälven die Stuorkartje Wildwasser Stromschnelle

Normalerweise kennt ja jeder die Grundregel, dass den Anweisungen der Guides stets Folge zu leisten ist. Oder, das ist der Minimalrespekt dem man Guides entgegenbringt, ihnen wenigstens einfach ohne Murren und Sperenzchen folgt. Besonders in Gefahrensitautionen neigt der Ge-guidete zu Angstreaktionen und kann dadurch sich und andere gefährden.
Von Angstzuständen in seinem Leben bisher nicht sonderlich geplagt hatte Fritz dagegen schon immer ein Problem mit Autoritäten. Angefangen in der Schule zog sich das über Banklehre und Studium bis heute durch. Warum sollte es auf diesem Trip also anders sein. In dem Moment, als der erste Guide links neben ihm vorbeitrieb war für ihn so oder so sonnenklar, dass er nur noch die Anweisungen des verbliebenen Guides ignorieren musste. Da dieser keinerlei anstalten hierzu machte und völlig unberührt (ich erwähnte es oben, unbestätigten Angaben zufolge soll er noch ein Liedchen gepfiffen haben) auf den Abgrund zusteuerte, nutzte er die Gelegenheit und empfahl sich mit einem "Du, Holger, ich glaub ich fahr da mal raus" an den rechten Uferrand.
Holger ging davon aus dass Fritz, wie ständig, wieder pinkeln musste, jedenfalls störte ihn das nicht weiter in seiner Konzentration darauf, wie er die Äschen am Abend zubereiten könnte. Am Stock ? Hmmm. Oder Knusperli? Geräuchert ? Schwierig schwierig. Vielleicht eine geräuchert und zwei am Stock ?
Im rechten Teil der Stromschnelle fährt man nach einem Wasserfall eigentlich direkt in eine Wand bevor es dann 90 grad nach links in einem weiteren Wasserfall weiter nach unten und dann wieder in eine grössere Strömung geht. Der Einschlag in die Wand brachte Holger dazu, seine Konzentration vom Abendessen auf die aktuelle Situation zu lenken.
Er realisierte ebenfalls, dass er sich in der VI befand und bekam ebenfalls einen Vollwaschgang serviert.

Jaaaa, was sagt man da dazu? Wie konnte das passieren war wohl die Frage die uns alle in den nächsten Stunden sehr beschäftigte. Alles ziemlich emotional für mich - ich hätte nie gedacht, dass mich die Umarmung eines Menschen so aus der Fassung bringen könnte. Danke Holger. Danke Fritz. Im Nachwort schreiben wir zu diesem ganzen Vorfall noch ein paar Infos und Einsichten. [Derzeit in Bearbeitung: So hat Holger den Packrafting Unfall erlebt]

Wir verloren an diesem 12. August 2021 eine Go-Pro, eine Angel samt Rolle und ein paar Schuhe. Ein Schnäppchen für ein neues Leben. Am Abend gab es 2 Liter Baccardi. Holger und ich sassen noch lange zusammen und versuchten den unbequemen, ständig wiederkehrenden Gedankenmüll am Lagerfeuer zu entsorgen...

  

 

[4] Selber essen macht fett

Nachdem ich die letzten Jahre so gut wie immer für die Verpflegung zuständig war, kam auch immer wieder Kritik am zu reichhaltigen Essen auf, also an der schieren Menge. Kritik am Geschmack erstickte ich bereits im Ansatz durch tötende Blicke. Ein echter Survival Trip ohne ständig knurrenden Magen ist dann halt doch eher eine Kaffeefahrt, so das Feedback. Daheim damit prahlen zu können, sich ausschliesslich von dem ernährt zu haben, was die Natur da draussen so bietet, ist halt auch legendenbildend. Wobei, also ich seh das pragmatisch, jedem der beprahlt wird ist ja durchaus klar, dass das Grundwesen der Prahlerei, wenn schon nicht die glatte Lüge, so dann doch zumindest eine gehörgige Portion Übertreibung ausmacht. Siehe "Serviervorschlag" auf einer Tütensuppe. Oder mein Gesicht beim Erzählen von Outdoorgeschichtchen. Also kann ich ja überall rumerzählen, dass ich mich bspw nur von Fischen, Flechten und Fröschen ernähre (next level: Licht!), aber ich bin natürlich nicht so bescheuert, das wirklich auch zu machen. Da draussen. Wo mich eh keiner sieht !

Aber die Jungs wollten den Trip zum Abnehmen nutzen und so hatte ich die Rationen schon im Vorfeld deutlich gekürzt und stand dann mit einem minimal gefüllten Minieinkaufskörbchen vor der Kasse des ICA in Kiruna.

"Wie, was SO VIEL ???"

Mein Plan, die Jungs in den Burgerladen um die Ecke zu schicken, während ich gemütlich einkaufen ging war schon vor dem Einkaufszentrum gescheitert. Sie hatten bereits zu viele Burger am Flughafen in Stockholm gegessen und nach dem Burger morgens daheim vor dem Abflug und den Burgern am Abend zuvor hatten sie nun keinen Bock mehr auf Burger.

"Aber... wir brauchen doch Reserven !"
"Was für Reserven ???"

Mein Blick fiel auf Fritz' und dann auf Holgers Bauch. Most impressive. Mir wurde klar, warum sie mich völlig verständnislos ansahen. Es wurde also weiter ausgedünnt und "gewichtsoptimiert". Kohlenhydrate machen fett, Fett macht fett und Gemüse... dafür ist mein Blick nicht tötend genug. Ausserdem natürlich viel zu gross und schwer für den Nutzen. Ich rächte mich, indem ich einen aufblasbaren pinken Hummer kaufte den ich zwischen den Vorräten rausschmuggelte und den ich als Zeichen meines stillen Protests gegen die meiner Meinung nach zu spärliche Verpflegung, am dritten Tag von Holger aufblasen liess und fortan am Boot hinter mir herzog.

Es ging also zu dritt mit 100 Gramm Salz, 200 Gramm Zucker, 1,5kg Nudeln, 2kg Kartoffeln, 2,5kg Haferflocken mit Trockenfrüchten, 3kg Studentenfutter mit Salamis, 6 L Rum, einer Handvoll Fertigsuppen, einem Liter Rapsöl und einer MINIminimini Packung koffeinfreien (don't ask 🙄 ) Instantkaffees ab in die Wildnis. Der Helikopterpilot meinte nur trocken, dass er noch nie Leute mit so wenig Zuladung ausgeflogen hat. Sein Blick verriet mir, dass er der Meinung war, dass wir mit dem lächerlichen Gepäck auch hätten laufen können.

 

Fazit: der Nettogewichtsverlust pro Teilnehmer betrug in diesem Jahr:

Holger - 2,5 kg
Fritz - 2 kg
Jens - 2kg

   

 

[5] Reservat der Glückseligen

man kann es nicht oft genug sagen: das Leben in Lappland ist meistens hart und immer lebensgefährlich. Oft völlig unerwartet. Betritt man bspw eine läppische Sauna kann man, bei Holgers Anwesenheit und falls er den Aufgusslöffel in die Finger bekommt, noch "heiss" hinzufügen. Ich freu mich jedes Jahr drauf und dieses mal wars am Tag 6 in einem Wildniscamp in Killinge soweit. Der übliche Wahnsinn. Normalerweise immer am Ende der Tour, dieses mal mittendrin weil Holger uns hier verlassen musste, aber geil wie immer. Ich sah schon nach dem zweiten Aufguss aus wie der aufgeblasene pinke Hummer (der uns leider an Tag 4 in einer Stromschnelle verliess. Bitte nicht im Outdoorforum petzen! Mir langt Wotan's Bannstrahl aus dem Off der mmich 100%ig treffen wird wenn er das hier liest).

Die hygienischen Verhältnisse vor Ort waren... nun ja, also diesem Camp würden ein paar "Regeln des Tages" ganz gut tun. Oder zumindest die Einführung der Kehrwoche. Etwas mehr Liebe im Detail. Man merkt das Fehlen von Vorhängen besonders, wenn sich Mücken und andere Kleinstinsektenleichen auf der Innenseite eines Fensterrahmens stapeln. Frauen hätten im Angesicht der zwar schön zusammengelegten aber ungewaschenen Saunahandtücher, in denen der Schweiss und die Klabusterbärchen einiger Generationen von Schwedenärschen steckte, spontanen Bauch- und Rückenherpes bekommen. Fritz' Gesicht nahm, als er selbiges nach dem ersten Saunagang mit einem dieser unscheinbaren Tücher abtrocknete, abwechselnd einen Farbton zwischen grün und lila an aber ich hatte auf diesem Trip eh recht schnell den Eindruck gewonnen dass er, was solche Dinge angeht, etwas überempfindlich ist.
Solche Details konnten uns nicht die Laune vermiesen! Für reichlich Bier war gesorgt und das von den Campbetreibern servierte "Geschnetzelte vom Ren" aus der Pfanne, die ungespült schon Generationen von Rentierärschen angebraten hatte, war ebenfalls vorzüglich.

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So oder so, its a mens world. Ein Refugium für Waldschräte denen der unbefriedigte Geschlechtstrieb schon seit langem nicht mehr die Laune vermiesen konnte und die allenfalls andere Männchen mit ihren Fähigkeiten beeindrucken wollen. Bzw. können. Weibchen trifft man dort so gut wie keine. "So gut wie" kann ich eigentlich grad wieder streichen. Oder sie sind einfach perfekt getarnt, unsichtbar zwischen all den Birken und Fichten oder im hohen Ufergras der Flüsse und Seen verborgen. Auf der Lauer nach dem Prinz auf dem weissen Schimmel, der sicher irgendwann anmutigst mit einem Tablett Champagner und Zartbitterschokolade daherreiten wird. Ähnlich schwer aufzustöbern wie ein Vielfrass oder der Bigfoot. Vielleicht liegt ihre Abwesenheit oder Scheu auch an den Nicht-Prinzen die dort oben durch die Wälder streifen.
Einem geregelten Tagesablauf folgen da oben nur Paarungsbereite oder wer nach der Paarung Geld für die Familie braucht. Wenn die Kinder aus dem Haus und die Alte desillusioniert und endgültig über alle Fichtenkronen Richtung Stockholm abgehauen ist, hindert diese Spezies endlich nichts mehr daran, den Tag ab früh Alkohol konsumierend und kautabakspuckend mit Fischen, Eisangeln, Ballern, Jagen, Quad- oder Skidoofahren zu verbringen und nebenher ein Wildniscamp zu betreiben. Für Handtuchwaschen bleibt da verständlicherweise gar keine Zeit. Und für ein paar Tage im Jahr ist das ja auch genau unser Ding. Man kommt mit einer gewissen Demut für sauber Hadtücher zurück nach Hause.

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Wie bereits erwähnt endete für Holger hier der Trip im Männerreservat. Er durfte (und wollte) wieder zurück in den Kreis seiner Liebsten. In den wohligen 4 Zimmer Innenstadt Fuchsbau mit fröhlichem Kinderlärm und On Demand Bier, dort wo zärtliche Berührungen nur eine Bettumdrehung weit entfernt sind.

Für Fritz begann der 4 tägige Exklusiv-Trip mit mir. Ohne Zärtlichkeiten. Es war eh auch höchste Zeit, mal an seine Grenzen zu gehen...

 

   

 

[6] Arthrose im Kopf

Pünktlich zu Holgers Abreise am Mittwochmorgen schlug das Wetter um. Er hatte gerade die Tür vom Sven-Taxi zugehauen, als es wie aus Kübeln zu regnen begann. Bisher hatten wir Riesenglück gehabt. Jeden Tag Sonne und um die 20 Grad. Wir wussten durch die Vorhersage schon vorher von dem Wetterwechsel und waren uns einig, anstatt weiterzupaddeln, einfach zu einer offenen Wildnishütte zu wandern, dort zwei Nächte zu verbringen und dann wieder zurück zum Camp zu wandern, von wo aus wir dann am Samstag nach Kiruna gebracht werden konnten um dort noch einen letzten Abend im Luxus eines 3 Sterne Hotels mit integriertem Pub zu verbringen.

Wir packten nur das Nötigste in unsere grossen, mit Tragegurten ausgestatteten DryBags (Essen war eh kaum noch da und wir brauchten noch jede Menge Platz für die vielen Lachse die wir fangen würden) und wanderten um 9 Uhr los. Vom Camp die Hauptstrasse hinunter, vorbei an Nagelstudios, Bierschwemmen, Friseursalons, Bestattungsinstituten, einer verlassenen Volksbank Filiale und Ein-Euro Shops, dann nach links, dem Lauf des Kaitum folgend.
Kleiner Scherz, hehe, Kenner haben das natürlich sofort bemerkt, dass das die Haldenrainstrasse in Stuttgart Rot ist.
In Killinge leben ganzjährig sage und schreibe 18 Menschen älteren Semesters und beweisen, dass man auch in Würde und Gleichmut dem Abendfrieden entgegenblicken kann.
Wir erreichten nach 2 KM die Killingefälle (WW VI) wo die Lachse um die Wette sprangen. Wir beschlossen sie ein anderes mal zu befahren, wenn wir die Boote dabei hätten. Ab den Killingefällen führt ein gut beschilderter Weg (*hust*) die 7 KM zu unserem Tagesziel.

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Wir liefen ... und liefen ... und liefen, immer relativ frischen Quad Tracks folgend durch den Wald. Nach eineinhalb Stunden wurde ich etwas misstrauisch weil ich schon lange nicht mehr den Kaitum gehört hatte, dessen Verlauf wir eigentlich flussabwärts und mit maximal ein paar hundert Meter seitlichem Abstand folgen sollten. Es war wohl doch das Rauschen des Sturms in den Baumwipfeln. Ich holte das handheld GPS raus und überprüfte die Position. Shit, wir waren viel zu weit im Norden, 3km weg vom Weg den wir eigentlich hätten nehmen müssen. Irgendwo hatten wir ne Abzweigung nach rechts verpasst. Niemand hatte Lust wieder kilometerweit zurück zu wandern und nach der Abzweigung zu suchen. Sooo wenig Gepäck hatten wir dann doch nicht dabei.
Also, einfach querfeldein durch die Pampa!
Dank GPS sollte das ja kein Problem sein!!
Ausserdem : ein Abenteuer, vielleicht treffen wir ja einen Elch oder gar einen Braunbären !!!

Das war eine blöde Entscheidung. Was ich völlig unterschätzt hatte, waren die Sümpfe die auf den 3 KM nach Süden vor uns lagen. Und die Tatsache, dass Fritz schon auf normalen Wegen, aufgrund einer Arthrose in beiden Sprungelenken, nur mit einer erstaunlichen Menge an starken Schmerzmitteln laufen kann. Das was folgte war natürlich der SuperGAU für Fussgelenke. Den Untergrund über den wir mussten, kann man sich als ein riesiges versumpftes altes Flussbett vorstellen. Durch und durch übersäät mit grossen Steinen die man aber durch das hohe Sumpfgras nicht wirklich sehen konnte. Zwischen den Steinen und dem Gras aufgetauter Permafrostboden in dem man bei jedem Schritt mindestens bis zur Wade, teils bis zur Hüfte versank. Von gehen konnte man da gar nicht mehr reden, es war mehr ein Stolpern und Waten. Das alles bei strömendem Regen, starkem Wind und unter 10 Grad. Ich checkte das GPS. Nach einer Stunde waren wir einen KM (also 1 !) Richtung Süden vorwärts gekommen. Uns wurde klar, warum Elche so lange Beine haben. Aus dem Sumpf ragten immer wieder Inseln mit Birken oder manchmal auch Kiefern. Ich versuchte einen Weg über möglichst viele dieser Inseln, auf denen man wenigestens einigermassen gehen konnte, zu finden. Häufige Richtungswechsel waren die Folge. Durch die tief hängenden Wolken und die hoch stehende Sonne war keinerlei Orientierung am Sonnenstand möglich. Und das GPS half da auch kaum weiter. Die Mininadel der Richtungsanzeige zeigte dahin, wo das GPS grad einen Elch vermutete. Jedenfalls nicht zuverlässig dahin, wohin ich es zur Peilung hinhielt. Das kleine Display sowie die Tatsache, dass ich generell nur noch mit Brille was erkennen kann, diese aber irgendwo im Packsack steckte, war auch nicht gerade hilfreich. Ich konnte aber am bisherigen Verlauf auf dem GPS grob erkennen, dass wir gerade einen schönen Kreis gelaufen waren. Ich bekam leichte Panik. Handyempfang war weg. Fritz sah auch nicht mehr allzu frisch aus. Er war gerade dabei sich die nächsten IBU 400 einzuwerfen. Ich verschwieg also besser unsere kleine Rundwanderung und dass ich eigentlich gar nichts auf dem GPS erkennen konnte und zeigte, Selbstsicherheit austrahlend, auf einen Punkt am Horizont. Da müssen wir hin.
Soweit, nach der Brille im Packsack zu suchen, war ich noch lange nicht! Fritz schon eher, aber wie gesagt, ich liess ihn besser im Glauben, dass ich alles im Griff hätte. Nach den vorherigen Fails drohte der Verlust des letzen Rests von Respekt und evtl der Motivation noch weiter durch die Gegend zu stolpern.
Ok, also so ging das noch 2 Stunden weiter. Ab und zu kamen wir an einem zerlegten und sauber abgenagten Rentier vorbei. Oder an einem Haufen Elchscheisse. Wenn ein Haufen Scheisse so hoch ist wie ein Rentier, kann er ja nicht von einem Rentier kommen, so folgerten wir.
Ich habs dann noch geschafft selbst auf den letzten Metern vor der Hütte nochmal einen schönen Kreis zu laufen ! Eine letzte Pirouette dieser Kür. Unfassbar. Ich kam mir ehrlich so bescheuert vor wie noch nie in meinem Leben. Wesentlich bescheuerter als damals, als ich mit dem Rad auf dem offiziellen Radwegenetz durch Balingen nach Stuttgart fahren wollte.
Aber ohne GPS, soviel ist klar, würden wir uns da heute noch im Kreis drehen. Wenn uns nicht ein Bär erlöst hätte.

Nach insgesamt ca 6 Stunden erreichten wir die Hütte. Fritz konnte fast nicht mehr laufen und ich war zu müde um nach Holz zu suchen. Wir zogen trockene Klamotten an, legten uns auf dem Boden in die Schlafsäcke und schliefen erst mal 2 Stunden bevor ich gegen Abend Holz holte und die Hütte einheizte. Der Baccardi war bereits seit Tagen aus, wir mussten das alles komplett nüchtern ertragen.

6 Packrafting 2021 5


Am folgenden Tag durfte Fritz nicht zum Spielen raus ins Männerreservat, sondern musste zur Erholung in der Hütte bleiben, da er die restlichen IBUs für den Rückweg brauchen würde. Immerhin konnte er so am Feuer unsere Sachen trocknen. Ich versuchte lust- und entsprechend erfolglos einen Lachs zu fangen. Irgendwie war hatte ich mein Mass an Outdoor-Sättigung bereits am Tag zuvor erreicht.
Der Rückweg am folgenden Tag war problemlos und dank 4*400 IBU für Fritz einigermassen erträglich. Wir fanden den korrekten Einstieg auf den Wanderweg ca 150 meter entfernt von der Hütte, folgten diesem ohne irgendwelchen Verirrungen und nach grad mal 1,5 Stunden waren wir wieder an den Killingefällen. Geht doch! Wir verkrochen uns für den Rest des Tages in die Sauna. Diese letzte Etappe unseres Trips wirde dann als doch noch ein kleines Abenteuer oder, wie Fritz es sagte ein "ein Riesenspass fir jonge Leit".

Am nächsten Tag, Samstag der 21.08., stiegen wir ins Sven Taxi und liessen uns 3 Schritt weit vorm Hotel absetzen. Diesen letzten Abend in Kiruna liessen wir es noch einmal so richtig krachen. Endlich wieder Zivilisation, Menschen, Musik, Burger and Beer. Die Schleusentore waren sehr schnell geöffnet... Bier Bier Burger Bier und ab ins Bett. Am nächsten morgen konnte ich vor Rückenschmerzen kaum laufen. Die Matratze in unserem Zimmer, auf der ich um ca 20:30 eingeschlafen bin, war einfach zu weich. Aber streng genommen befanden wir uns ja hier nicht mehr in Lappland. Wo das Leben ... ihr wisst schon...

    Ende: Jens, September 2021

 

++++++++++++++ Nachtrag / Holger ++++++++++++++++++++++++++

Wir haben auf dieser Tour sehr viel gewonnen, aber auch einiges verloren, z.B. Bilder. In der WW VI Stromschnelle war es eine GoPro, und im Sumpf bei Killingen war es die Speicherkarte von Fritz mit tollen Bildern. Wir konnten sie nicht retten. Das was noch irgendwo übrig geblieben ist ist dies: